Es ist eine besondere Zeit, es ist Corona-Zeit!

Wir danken den Menschen, die ihre Zeit und Kraft ehrenamtlich in unsere Vereinsarbeit investieren. Diesen Menschen möchten wir unsere Interviewreihe widmen. Mit Einigen von Ihnen haben wir über ihr ehrenamtliches Engagement und die besonderen Herausforderungen in der Corona-Zeit gesprochen. Es erwarten Sie spannende Geschichten von der Vereinsgründung, über die Ideenentwicklung zum größten Leseprojekt "Meine erste Bibliothek“. Aber auch über die Herausforderungen der kulturellen Integration von Migrantenkinder und darüber, wie die Corona-Pandemie die Tätigkeiten und Möglichkeiten verändert hat.

Wir starten unsere Interviewreihe mit unserer Vorsitzenden und Vereinsmitbegründerin Arzu Cetinkaya und dann folgen über die nächsten Wochen verteilt weitere Interviews.

Danke an alle Interviewpartner*innen fürs Mitmachen und

viel Vergnügen beim Lesen!




 

Monika Schmidt-Engbrecht ist pensionierte Lehrerin und seit 2017 im Vorstand von Kultur verbindet e.V. aktiv. Außerdem ist sie eine Buchpatin an der Erich-Kästner-Schule. Ihre über 40-jährige Berufserfahrung als Lehrerin mit einem Schwerpunktfach „Deutsch als Zweitsprache“ kommt dabei dem Verein in der Projektarbeit mit den ausländischen Kindern besonders zu Gute.


1. Wie sind Sie zum Verein gekommen? Wie lange engagieren Sie sich schon ehrenamtlich?

- Ich bin über die Freiwilligenagentur der Stadt Bonn zum Verein gekommen und es sind inzwischen über 9 Jahre, in denen ich mich ehrenamtlich für Kultur verbindet e.V. engagiere. Ich wollte immer meine Erfahrung und Kenntnisse aus dem Berufsleben weiternutzen und mit Kindern arbeiten. Als ich pensioniert war, hatte ich genug Zeit, um meinen Wunsch zu erfüllen.

2. Was gefällt Ihnen besonders gut an der Vereinsarbeit? Was ist Ihre größte Herausforderung?

- Ich wollte immer etwas Sinnvolles für die Gesellschaft leisten. Und die Integration ist auch eine sinnvolle Sache! Da ich früher beruflich gerne mit Kindern und Jugendlichen gearbeitet habe, war eine Tätigkeit als Buchpatin im Verein für mich naheliegend und war somit keine so große Herausforderung für mich. Die Betreuung eines einzelnen Kindes ist viel einfacher als die einer der ganzen Klasse. Der persönliche Kontakt zum Patenkind kann schneller aufgebaut werden und es kann gezielter auf die Bedürfnisse des Kindes eingegangen werden. Die Mehrheit der Kinder kommt auch sehr gerne zur Lesestunde und freut sich auf unsere persönliche Begegnung.

3. Wie kommen Sie mit den Corona-Einschränkungen momentan zurecht?

- Ich habe vor Corona einen 8-jährigen aus Pakistan stammenden Jungen an der Erich-Kästner-Schule betreut. Wir haben uns regelmäßig getroffen und zusammengelesen. Der Kontakt zu den Eltern war auch gut. Durch Corona ist dieser Kontakt leider verloren gegangen. Die Familie hat nicht mehr auf meine Emails und Telefonanrufe reagiert, obwohl wir am Anfang den Kontakt auf diese Weise gehalten hatten. Aber wenn die Eltern das nicht mehr für sinnvoll halten, dann hat das keinen Wert mehr! Ohne eine Unterstützung durch die Eltern kann der Kontakt nicht aufrechterhalten werden. Ich hoffe, dass es bald wieder möglich wird, an den Schulen mit Kindern zu lesen.

4. Lesen Sie gerne und haben Sie als Kind gerne gelesen? Haben Sie ein Lieblingskinderbuch?

- Ich lese gerne und viel. Als Kind mochte ich „Emil und die Detektive“ von Erich Kästner, der sowohl für Erwachsene als auch für Kinder geschrieben hat. Momentan lese ich mehr Belletristik und historische Literatur.   

5. Was wünschen Sie dem Verein für die Zukunft?

- Ich wünsche mir, dass wir unser Leseprojekt „Meine erste Bibliothek“ weiter fortführen können und dass die Zielsetzungen, die wir in Angriff nehmen, realisiert werden. Ich wünsche mir, dass wir mehr Mitglieder für den Verein gewinnen, da die Arbeit im Verein nicht nur sinnvoll, sondern auch sehr persönlich ist und viel Freude mit sich bringt.  Ich denke immer positiv und hoffe, dass die Corona-Einschränkungen bald aufgehoben werden und wir mit den neuen Kulturprojekten starten können. Das wünschen wir uns Alle!

Am 18.02.2021 interviewt von Victoria Luin / Bildquelle: Kultur verbindet e.V.




Dr. Frauke Rheingans ist von Beruf Ethnologin (Anm. der Redaktion: Völkerkundlerin) und engagiert sich seit Mitte 2014 im Verein. Sie unterstützt den Verein bei der Projektorganisation und -koordination.

1.Wie sind Sie auf den Verein aufmerksam geworden? Warum haben Sie sich für Kultur verbindet e.V. entschieden?

- Als meine Kinder zur Welt kamen, habe ich beruflich ausgesetzt und mich ehrenamtlich engagiert, bspw. im Sportverein in meinem Heimatdorf und in der Grundschulbücherei. Nachdem meine Kinder groß genug waren, habe ich dann den beruflichen Wiedereinstieg versucht. Es war für mich wichtig wieder anfangen, zu arbeiten. Und so bin ich bei meiner Neuorientierung über die Freiwilligenagentur der Stadt Bonn auf den Verein „Kultur verbindet e.V.“ aufmerksam geworden. Von Mitte 2014 bis März 2016 habe ich ehrenamtlich für den Verein gearbeitet. Dann wurde es mit der Bewilligung der Aktion Mensch Förderung möglich, eine bezahlte Teilzeitstelle einzurichten, die ich bekommen habe.

2. In welchem Bereich engagieren Sie sich im Verein? Was gefällt Ihnen besonders gut bei Ihrer Tätigkeit?

- Ich mache inzwischen die Projektplanung, -organisation und -koordination. Ich kümmere mich um unser größtes Leseprojekt „Meine erste Bibliothek“ an sechs Grundschulen in Bonn.  Bei diesem Projekt engagieren sich ca. 130 freiwillige Erwachsene, die sich regelmäßig mit den Kindern an den Grundschulen treffen und die Bücher lesen. Ich stehe im kontinuierlichen Austausch mit den Paten*innen, Eltern und Lehrkräften. Außerdem veranstalten wir verschiedene Kulturangebote für die Kinder mit Migrationshintergrund: Stadtteilerkundungsprojekte, Ausflüge in die Natur, Museumsbesuche, Bastelworkshops, Musik- und Theater-AGs u.v.m. Ich betreue auch diese Veranstaltungen mit, suche dabei nach den geeigneten Kooperationspartnern und möglichen Finanzierungsquellen. Man sieht, was sich alles in Bonn im Bereich Integration und Zuwanderung tut. Das ist sehr faszinierend!

3. Welchen Einfluss hat die Corona-Pandemie auf Ihre Aktivitäten?  

- Corona hat unsere Vereinsarbeit sehr beeinträchtigt. Wir mussten alle Kulturangebote sowie unsere Leseprojekte komplett einstellen. Wir haben versucht, über die Video-Telefonie die verschiedensten Sachen zu ermöglichen, aber es hat nicht wirklich funktioniert.  Die Kinder sind zu klein dafür und brauchen einen persönlichen Kontakt mit ihren Paten*innen. Es ist eine riesige Lücke aufgetreten! Jede Verlängerung der Corona-Maßnahmen an den Schulen bedeutet, dass die Kinder wieder Zuhause lernen müssen. Aber sie schaffen das nicht eigenständig, weil ihnen die Förderung fehlt und die persönliche Unterstützung sie nicht erreicht.

4. Wie gestaltet sich Ihre Arbeit mit den Ehrenamtlichen, Eltern und Kindern? Das zwischenmenschliche Miteinander?

- Das ist sehr schwer pauschal zu sagen, weil die Menschen sehr unterschiedlich sind. Die meisten sind offen und zugänglich. Am entscheidendsten sind die Erstgespräche, bei denen man sich kennenlernt. Man muss sich da genug Zeit nehmen, um mehr voneinander zu erfahren. Wir haben viele Freiwillige, die damals nach der Gründung des Vereins im Jahr 2008 angefangen haben und sich noch bis heute ehrenamtlich im Verein engagieren. Es finden regelmäßige Treffen von BuchPaten*innen an den Schulen statt. Leider war es im letzten Jahr wegen Corona-Einschränkungen nicht möglich.

5.  Was wünschen Sie dem Verein für die Zukunft?

- Also ganz oben stehen tatsächlich eigene Räume, in denen wir die Veranstaltungen anbieten können und selbst entscheiden können, wann die stattfinden. Damit wir ein wirklich kontinuierliches Angebot aufbauen können: für die Eltern, für die Kinder, für die Paten – das wäre ganz oben auf meiner Wunschliste. Und gerne auch eine längerfristig gesicherte Finanzierung, weil es sehr unschön ist, immer mit den Projektgeldern zu arbeiten, die dann nur für neun Monate oder für ein Jahr oder zwei Jahre sind. So dass man im Grunde genommen, wenn man sie hat, schon wieder vor dem nächsten Abgrund steht und sich fragt, wie kann man langfristig da weitermachen, wenn uns die Finanzierung wegbricht.

6. Was ist das Besondere an Kultur verbindet e.V.? Warum sollen sich Menschen dafür engagieren?

- Das Besondere ist einfach die Möglichkeit, ein Kind zu erleben und die Entwicklung dieses Kindes mit zu begleiten und ein bisschen zu unterstützen. Das bringt einem so viel an Freude, an Kenntnissen und an Einblicken. Man lernt durch diese persönlichen Begegnungen, seine eigenen Vorstellungen zu überdenken und Vorurteile über Bord zu werfen. Das finde ich, ist eigentlich so ein ganz wesentlicher Punkt, warum man diese Arbeit machen sollte!

Am 29.01.2021 interviewt von Victoria Luin / Bildquelle: Kultur verbindet e.V.

 

Arzu Çetinkaya ist die Vorstandsvorsitzende des Vereins „Kultur verbindet e.V.“ und eine der Mitbegründer*innen im Jahr 2008. In den ersten fünf Jahren übernahm sie viele Organisations- und Koordinationsaufgaben bis eine Projektkoordinationsstelle geschaffen wurde. Mittlerweile engagieren sich auch viele Freiwillige im administrativen Bereich, sodass sie dabei entlastet ist und den Verein hauptsächlich nach außen repräsentiert.

1. Wie ist Kultur verbindet e.V. entstanden? Welche Beweggründe hatten die Mitbegründer*innen im Jahr 2008?

- Meine Freundin Hülya Truong kam auf mich zu und erzählte mir von einer Projektidee. Der Ursprungsgedanke war, ausländische Studierende bei ihrer Integration und im Studium zu unterstützen.  Ich war aber davon überzeugt, dass man zunächst jüngeren zugewanderten Kindern helfen musste, damit sie später in Schule und Beruf die gleichen Chancen haben wie Kinder aus einheimischen Familien. Es sollten Kinder im Grundschulalter sein - ein Alter, in dem sie sehr begeisterungsfähig und wissbegierig sind -, die man an die Hand nehmen und fördern musste.  Ihnen und ihren Familien sollten all‘ die unendlich vielen Möglichkeiten gezeigt werden, die unsere Stadt Kindern bietet, damit sie ihre Freizeit sinnvoll gestalten und sich gut entwickeln können. Meine Idee überzeugte auch die anderen Mitbegründer*innen und wir entschieden uns an die Schulen zu gehen, wo wir die Kinder und ihre Familien einfacher erreichen konnten. Dadurch entstand unser größtes Patenschaftsprojekt „Meine erste Bibliothek“ bei dem es darum geht, Kindern aus zugewanderten Familien mit der Unterstützung ihrer BuchPaten*innen das Medium BUCH näher zu bringen. Die Bücher, die sie in der Patenschaft lesen, schenken wir ihnen, damit sie damit den Grundstein für ihre eigene Bibliothek legen können.

2. Wie kommt der Verein momentan mit den Corona-Einschränkungen zurecht?

- Momentan können wir unser Projekt an den Schulen leider nicht umsetzen, auch Kulturangebote können wir für unsere Kinder nicht anbieten, obwohl sie das in dieser schwierigen Zeit dringend brauchen. Viele Patenschaften ruhen momentan, da es nur wenigen Patinnen und Paten gelingt, den Kontakt zu ihren Patenkindern über eine digitale Plattform aufrechtzuerhalten. Es ist für viele eine große Herausforderung, mit den neuen Kommunikationswegen umzugehen. Einige Patinnen und Paten sind in dieser Zeit leider auch ausgeschieden, andere pausieren und werden nach dem Lockdown hoffentlich wieder ein Kind oder „ihr" Kind weiterbetreuen.

3. Was war Ihr schönstes Erlebnis in der Vereinsarbeit? Was war das Besondere?

- Wir haben eine ganze Reihe wunderbarer Anekdoten bei unseren Patenschaften gesammelt. Eine deutsche Ärztin hat zum Beispiel vor 12 Jahren eine KulturPatenschaft für ein türkisches Mädchen aus einer sehr frommen Familie übernommen. Noch heute erinnert sich die Ärztin gerne an das türkische Mädchen und ihre Familie, von der sie viel über Toleranz und Akzeptanz gelernt hat z.B. auch über das Thema „Kopftuch tragen“. Bis heute sind sie gut befreundet, obwohl das Mädchen schon längst keine Unterstützung mehr benötigt und sich im Studium befindet. Ihre beiden Leben sind bereichert, die Ärztin hat das Mädchen so in ihr Herz geschlossen, dass sie sie ihre Enkelin nennt. Normalerweise wären diese Menschen auf der Straße aneinander vorbeigelaufen, hätten sich nicht gegrüßt und auch nie kennen gelernt. Und so ist durch unseren Verein eine Freundschaft fürs Leben entstanden. Solche und ähnliche Geschichten sollen noch mehr werden. Mit solchen Geschichten könnte ich ein ganzes Buch füllen.

4. Lesen Sie gerne und haben Sie als Kind gerne gelesen? Haben Sie ein Lieblingskinderbuch?

- Ich lese gerne, aber als Kind las ich deutlich weniger. Früher interessierten mich Fantasy Bücher, doch mittlerweile lese ich sehr gerne Biografien. Die erlebten Lebensgeschichten finde ich sehr spannend.

5. Was wünschen Sie dem Verein als Vorsitzende für die Zukunft? In welche Richtung sollte der Verein sich entwickeln?

- Wir haben im Verein noch Einiges vor. Mein persönliches Ziel ist es immer noch, dass sich noch mehr Freundschaften zwischen ausländischen und deutschen Familien bilden. Jede deutsche Familie sollte mindestens eine ausländische Familie persönlich kennen und die Familienmitglieder als „ihre Freunde“ bezeichnen können. Denn nur so können Vorurteile weniger und das Verständnis für das Fremde größer werden. Das Einrichten einer Begegnungsstätte für Alt und Jung, für Groß und Klein, für Menschen aus allen Kulturen – das ist eines meiner nächsten Ziele für den Verein!


Am 01.02.2021 interviewt von Victoria Luin / Bildquelle: Kultur verbindet e.V.